Ängste überwinden und über dich selbst hinauswachsen

Hast du Angst vor deiner Angst? Wenn Ängste auftauchen, fühlen sich viele Menschen überfordert. Handlungsstrategien wie Vermeiden, Verdrängen, Aussitzen, Flucht, Rationalisieren sind meistens die Folge. Doch hast du Angst schon einmal als natürlich und als Hinweis auf deine Bedürfnisse betrachtet.
Ich möchte dir im folgenden Blogbeitrag ein paar Tipps zum Umgang mit deinen Ängsten geben.
Doch zu Beginn: Eine kleine Geschichte...
Einem Dompteur gelingt es, einen Elefanten mit einem ganz einfachen Trick zu beherrschen: Er bindet das Elefantenkind mit einem Fuß an einen großen Baumstamm. So sehr es sich auch wehrt, es kann sich nicht befreien. Ganz allmählich gewöhnt es sich daran, dass der Baumstamm stärker ist als es selbst. Wenn der Elefant erwachsen ist und eigentlich ungeheure Kräfte besitzt, braucht man nur eine Schnur an seinem Bein zu befestigen und ihn an einen Zweig anzubinden, und er wird nicht einmal versuchen, sich zu befreien. Denn er erinnert sich daran, dass er diesen Versuch unzählige Male unternommen hat.
Wie bei den Elefanten stecken auch unsere Füße nur in einer dünnen Schlinge. Einer Schlinge bestehend aus deinen Erfahrungen und Gedanken über dich selbst, über andere und das Leben: Was du für erreichbar hältst, was du glaubst, verändern zu können und in welchen Bereichen deines Lebens du Abhängigkeit empfindest.
Da wir von Kindesbeinen an die Macht jenes Seiles gewohnt sind, wagen wir nur selten, uns zu wehren. Und vergessen darüber, dass es nur einer einfachen mutigen Tat bedarf, um diese Grenze zu überschreiten und uns den Möglichkeiten, die du jetzt hast, bewusst zu werden.
Das Seil in unserem Kopf
Lass uns das Seil etwas genauer betrachten. Nun ist es ja nicht so, dass es bei uns üblich ist, Kinder an ein Seil anzubinden und ihren Bewegungsradius auf 2 Meter zu beschränken. Und doch haben viele von uns die Erfahrungen gemacht, dass ihr persönlicher Ausdruck, die individuellen Bedürfnisse als Kind beschränkt, unterbrochen und zum Teil mit einer Strafe belegt wurden.
Wie der kleine Elefant, haben wir gelernt, dass wir einen bestimmten Verhaltensradius haben dürfen, der ok ist und Erfahrungen gemacht, dass Grenzüberschreitungen nicht oder nicht in vollem Umfang erfolgreich waren. Die gemachten Erfahrungen wurden von uns interpretiert und wir haben daraus Rückschlüsse auf uns selbst in Bezug auf unsere Wirksamkeit gebildet: „Ich bin unwert...!“, „Ich darf nicht sein, wie ich bin!“, uvm. Neben diesen Gedanken haben wir auch Verhaltensstrategien ausgeprägt, mit denen wir auf der einen Seite unsere wahren Bedürfnisse unterdrücken, verleugnen und verdrängen und auf der anderen Seite Strategien, die zum damaligen Zeitpunkt geeignet erschienen (oder wir auch keine andere Wahl sahen), um uns an die jeweilige Situation anzupassen. Diese Verhaltensstrategien wurden wiederholt und wiederholt und wiederholt und sind damit für uns so vertraut, dass wir nicht bewusst auf die Idee kommen, ob dieses Denken und dieses Verhalten zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch passend ist. In jeder Situation, in der dieses Seil berührt wird, wird der damit verbundene Schmerz in uns aktiviert und gleichzeitig auch das jeweilige Verhaltensmuster, das dann automatisch abläuft.
Außerhalb des gewohnten Radius
Bei einem Sturm wird der Pflock, an dem der Elefant festgebunden war, aus dem Boden gerissen. Der Elefant ist wie erstarrt, Regen rinnt an ihm herab: Was soll ich jetzt nur tun, fragt er sich? Ich könnte jetzt überall hinlaufen - überall! Doch wohin sollte ich schon gehen?
Wenn eine Krise oder eine Lebenssituation dazu führt, dass Gewohnheiten unterbrochen werden, ist die Frage, sind wir zum einen in der Lage (haben wir geeignete Strategien) eine Veränderung unserer Situation weiterzuführen und welche Möglichkeiten sind denn nun tatsächlich unseren Bedürfnissen entsprechend?
Wenn wir in unbekannte Gefilde vordringen, erhöht Angst unsere Wachsamkeit: In diesen Momenten ist unser Körper in einem etwas erhöhten sympathischen Zustand, der uns eine erhöhte Sinneswahrnehmung, Konzentration und Leistungsbereitschaft ermöglicht. Diese Energie kannst du für dein Handeln nutzen, um fokussiert im Moment zu sein, Ideen zu generieren und Möglichkeiten abzuwägen.
Gleichzeitig haben wir in neuen Situationen ein Bedürfnis nach Sicherheit. Dieses Bedürfnis ist in Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, jedoch ist der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle gerade in jenen Situationen besonders spürbar, in denen wir unser gewohntes Terrain verlassen oder wie in unserer Geschichte, eine äußere Veränderung unser gewohntes Leben stört. Die Frage lautet: Was brauchst du, um dich sicher bzw. sicherer zu fühlen? Ist es tatsächlich der Pflock, den du dir zurückwünschst? Im ersten Moment fühlt es sich vielleicht so an, weil wir mit dem Pflock auch einen sicheren Rahmen empfinden, hier kennen wir uns aus und vor allem: Hier haben wir die Kontrolle! Wenn du jedoch tief in dich hineinspürst, fühlst du vielleicht, dass der Wunsch nach Sicherheit daher rührt, dass du nicht genau weißt, was du willst oder wie du das erreichen kannst.
Vielleicht benötigst du noch mehr Wissen, Tools oder jemanden, der dich auf deinem Weg begleitet. Es geht nicht darum, in einem Moment, in dem du dich unsicher oder auch ängstlich fühlst, zu dir selbst zu sagen: „Stell dich nicht so an!“ Vielmehr gilt es zu ergründen, was dein Bedürfnis in dieser Situation ist und was dir jetzt Sicherheit geben kann.
In dem Maß wie du dich selbst in dieser Situation annimmst - so wie du bist - und unterstützt, senkst du gleichzeitig dein Angstlevel und erhöhst damit die Wahrscheinlichkeit, dass du tatsächlich eine neue Erfahrung machst.
Gegenwartsfokus
Das Seil in deinem Kopf ist die Summe aller vergangenen Erfahrungen. Das Seil ist niemals in der Gegenwart verankert, sondern bildet auf der Grundlage deiner Vergangenheit Vorhersagen über deine Zukunft. Die Angst, die du in einem Moment empfindest, ist nicht ein Abbild deiner jetzigen Situation, sondern all jener Momente und Ergebnisse, die du in diesem Zusammenhang erinnerst. Wenn du jetzt Gedanken hast, die dir einreden wollen, dass du das eh nicht schaffst oder es sowieso nicht gelingen wird, dann frage dich, welche anderen Möglichkeiten der Interpretation findest du noch? Hast du schon alles, wirklich alles ausprobiert, alle Ressourcen ausgeschöpft?
Angst kann nicht nur deine Handlungen lähmen, sondern führt bei vielen Menschen auch zu Zweifeln: Das Vorhaben oder eventuell sogar du selbst stehen in Frage und deine Gedanken beginnen mit dir Karussell zu fahren. Stelle dir in solchen Situationen die Frage: Für was könnte die Situation gut sein? Wenn es einen höheren Sinn oder Plan gäbe: Wie sieht der aus? Was könnte das Beste sein, das aus der jetzigen Situation entstehen kann?
Wenn etwas für uns Sinn macht, fühlen wir uns voller Hoffnung und Mut, auch dunkle Täler zu durchschreiten, an ein Morgen zu glauben und alles zu tun, was in unserer Macht steht.
Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass du den Sinn des Lebens gefunden hast, sondern etwas zu finden, für das es sich jetzt lohnt zu handeln und für das es sich jetzt lohnt, deine Situation zu verändern. Vielleicht besteht der Sinn darin, etwas Neues über dich zu lernen, zu wachsen oder mit ganzem Herzen und all deiner Lieben jemandem beizustehen.
Der persönliche Sinn richtet deine Aufmerksamkeit nach innen, auf das, was du in der jetzigen Situation tun kannst: Angst wiederum lenkt den Fokus auf äußere Gegebenheiten und gegebenenfalls darauf, was du in diesem Moment nicht kontrollieren kannst. Dein Fokus sollte also auf deine Wirksamkeit gerichtet bleiben, mit wachsamem Auge die Gegend beobachtend, aber gegründet in dir selbst und in deinen Möglichkeiten.
Angst ist dein Kompass
Unser Elefant aus der Geschichte macht sich auf den Weg, seine Familie zu finden. Er fühlt Angst, dass die Menschen ihn wieder einfangen könnten und er weiterhin an den Pflock angebunden sein Dasein fristen muss. Und doch treibt ihn der Wunsch an, seine Herde und damit seine Bestimmung zu finden. Dieser Wunsch brennt wie eine Flamme in seinem Herzen und wärmt ihn in diesem unwirtlichen Moment. Er kennt noch nicht viel von der Welt und auch nicht, wo er anfangen soll, zu suchen. Aber die Wärme seines Herzens lässt ein Vertrauen in ihm wachsen, dass sich Möglichkeiten auftun werden, die ihn zum Ziel führen.
Wenn du auf deinem Weg in unbekannten Gefilden Angst hast, gibt dir dieses Gefühl die Möglichkeit, deine Situation zu prüfen: Ist dies der einzige Weg? Welche anderen Möglichkeiten habe ich, um mein Ziel zu erreichen. Angst kann hier wie ein richtungsweisender Hinweis sein, dass gerade etwas für dich nicht stimmig ist! Vielleicht ist der Weg, den du gewählt hast, zu herausfordernd für deine momentanen Ressourcen. Denk‘ daran, dass jeder Weg Adaptationsprozesse erfordert, also eine Entwicklung! Wenn der kleine Elefant von sich selbst verlangen würde, obwohl er zuvor Tag und Nacht an einen Pflock angebunden war, jetzt 12 Stunden am Stück zu laufen und vielleicht dabei einen Bergpass zu überwinden, dann mag das zu viel sein für sein derzeitiges körperliches Leistungsvermögen. Und doch verlangen wir von uns, dass wir in neuen Situationen Fähigkeiten zeigen, die wir bis dato gar nicht geübt haben. Das ist nicht fair!
Den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, neue Wege zu gehen, bedeutet sich auf das Abenteuer Leben einzulassen. Es geht nicht nur darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg mit ganzem Herzen zu gehen. Mit allen Erfahrungen und Herausforderungen, die auf uns warten! Lass‘ dich nicht durch Ängste von deinen Träumen abhalten!
Ängste sind eine gesunde physiologische Reaktion, die eine erhöhte Konzentration im Augenblick ermöglichen. Anstatt dich von ihnen irritieren zu lassen und damit evtl. handlungsunfähig zu werden, kannst du dir bewusst machen, was dein Ziel ist bzw. wofür es sich lohnt, die gewohnten Grenzen zu überschreiten und was du gegebenenfalls brauchst, um dich sicherer zu fühlen. Was kannst du jetzt tun!
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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen - für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!
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Foto: Photos Pro