Natürliche" Sexualität bedeutet ein wieder Zu-Lassen der inneren körperlichen Weisheit, die sich als kreative Kraft in unserem Leben entfalten möchte.

In diesem Interview erklärt Kai Schoppe, Leiter der Tai Chi Schule Wiesbaden, seine Perspektive auf dieses Thema und welche Schritte es braucht, dieses Erfahrungsfeld in sich selbst zu aktivieren.

 

Tanja: Magst du mitteilen, wie du auf das Thema 'natürliche' Sexualität gestoßen bist?

Kai: Damals hatte ich schon mit Tai-Chi begonnen. Tai-Chi ist eng verknüpft mit der taoistischen Philosophie und ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen Lehrer, der auch taoistische Sexpraktiken vermittelt hat. Ganz begeistert, habe ich mich in dieses Thema vertieft, Workshops besucht und es gab zu dieser Zeit auch Seminare von ihm an meiner Schule.

Und sein Punkt war, dass der Mann über das Ejakulieren sehr viel Energie verliert und diesen Energieverlust der Frau unbewusst anlastet. Er fällt nach der Ejakulation quasi in ein 'Loch', der männliche Körper muss quasi regenerieren; da spielen dann auch andere Hormone mit rein, die gar nicht mehr in diese Euphorie, in dieses: "hier bin ich" - "hier bist du", reinpassen. Das ist bestimmt nicht bei allen Männern gleich bzw. die einen regenerieren schneller oder oder oder, aber für mich war das auf jeden Fall so spürbar. Daher machte dieses Erklärungsmodell für mich zu dem damaligen Zeitpunkt sehr viel Sinn.

Daraus entstand in mir aber auch die Frage, was ich tun kann, um nicht in dieses Loch zu fallen?

Ich habe dann sehr lange geübt, wie man die Ejakulation vermeidet und wie man die Energie im Körper 'hochzieht'. Dadurch konnte ich länger im Liebesakt bleiben und war danach auch noch für die Frau zugänglich. Aber irgendwie, auch in meinem Körper, hat sich das nicht 'natürlich' angefühlt. Und letzten Endes hat es bei mir auch zu energetischen Blockaden geführt: Wenn dieses 'Hochziehen' als solches nicht im Körper integriert ist, wenn das nicht wirklich zirkuliert, verstärkt es bestehende Blockaden.

Es hat nach einem neuen Weg gerufen und der neue Weg war dann ein anderer Lehrer, der einen anderen Zugang hatte.

In dem neuen Ansatz ging es ums Loslassen, um natürliches Fließen lassen, also viel softer, 'weiblicher. Und das hat mir eine Weile sehr gut getan. 

Ich selbst habe mich daneben immer mehr im Bereich Traum- und Schlaf-Yoga vertieft. An mir selbst konnte ich beobachten, dass im Schlaf meine Energie mit am lebendigsten ist, ohne dass ich irgendwas dafür tun brauche. Ich glaube, dass vielen Menschen diese Verknüpfung gar nicht bewusst ist, dass in der Nacht die Kundalini, diese kreative Kraft, den ganzen Körper durchflutet.

Jede einzelne Zelle wird damit aufgeladen. Und eigentlich ist es so, als würde man jede Nacht einen Mega-Orgasmus erleben - uns ist dies jedoch nicht bewusst. Also Männer bekommen eine Erektion bevor sie träumen, auch Frauen werden sexuell erregt. Das hat jetzt nicht so viel mit dem reinen sexuellen Reproduktionsakt zu tun, aber mit der Energie.

Für mich bekommt 'natürliche' Sexualität damit eine tiefere Bedeutung: die Perspektive, dass schon alles da ist, wir dieser Energie vertrauen können und es mehr oder weniger darum geht, ein Spüren im Sinne eines Gewahrseins für das Fließen der Energie zu entwickeln und präsent zu werden für das, was im Körper passiert.

Dann sind die Fragen eher: Wo kann ich noch mehr loslassen und in welcher Art und Weise möchte sich diese Kraft entfalten? Und das dann als Hauptträgerwelle zu nutzen. Am allernatürlichsten erscheint es mir, dieser Kraft zu lauschen und wahrzunehmen, was sie eigentlich sagt, dieses Embodiment, das ist im Körper schon angelegt ist und nicht in dem Sinne trainiert verändert oder in irgendeine Bahn gelenkt werden muss: vielmehr darf dieser innewohnenden Kraft vertraut werden!

 

Tanja: Was ist aus deiner Sicht die Voraussetzung für dieses 'Fließen' der Lebenskraft?

Kai: Mit den ganzen Mustern und Konditionierungen, denen wir ja alle ausgesetzt waren und die natürlich auch noch aktiv sind, leben wir sehr stark aus dem Verstand  und weniger aus diesem inneren Gefühl von Lebendigkeit von Körper. Das durchzieht alle Lebensbereiche: beispielsweise sind Fitnessübungen immer immer mit 'Drill' verknüpft. Der Körper soll in eine bestimmte Form gebracht werden, ich muss meinen Körper 'stärken'. Ganz wenig wird die Perspektive vertreten, dass unser Körper als solches bereits 'stark' ist, eine unglaubliche innere Kraft besitzt.

Im Grunde ist also eine geistige Offenheit die Voraussetzung für ein Wahrnehmen des Fließens der Lebenskraft.  Und nicht so sehr vom Kopf her den Körper zu trainieren, sondern vice versa:  mein Körper trainiert über das Gefühl meinen Fühlraum, meinen Herzraum.

Und diese beiden Räume öffnen quasi die Leinwand für völlig neue Erfahrungsfelder. Wenn man aber von oben hingeht und sagt, Kopf, Herz, Bauch, dann bin ich in einem anderen Prozess drin. Der ist ja auch schön, da kann ich auch Experte darin werden und dann pinne ich mir das an. Ich mache schon so und so lange das und ich bin da gut drin, weil ich es immer wieder geübt habe.

 

Tanja: Wie reagieren andere auch vielleicht in deiner Schule auf dieses Thema des 'Reinspürens' und auch gerade auf das Thema 'natürliche' Sexualität?

Kai: Ich glaube, es öffnet ein Feld für neue Menschen und das Alte darf ja bestehen bleiben. Gleichzeitig spüre ich etwas Neues, etwas Freieres etwas, das man am Ende gar nicht so greifen kann und auch gar nicht soll. Der Körper projiziert sich nicht in die Zukunft oder in die Vergangenheit, er ist immer da und in dieser Lebendigkeit auch verfügbar.

Und selbst, wenn eine Körperregion sich vielleicht ein bisschen fester oder blockiert anfühlt in diesem Moment, dann ist die Haltung: Ich spüre dich, ich sehe dich und wird die sich verändern, weil der Körper quasi dieses inhärente Programm hat, wieder im 'Fluss' zu sein.

Was möchte sich denn durch dich zeigen, durch deinen Körper, durch deine Einzigartigkeit? Und ich glaube, da geht es jetzt im Moment darum, Menschen zu diesem vielleicht auch ungewohnten Blickwinkel auf sich selbst einzuladen: Wie kann ich fühlen, dass mein Körper lebendig ist? Wie passiert das?

Und ich glaube aber auch, dass es ebenso eine Begleitung und Methoden benötigt, um Körperregionen spürbar lebendig und erfahrbar zu machen: ich biete in diesem Zusammenhang Tai-Chi-Body sowie das White-Dragon-Qigong an (weitere Informationen zum Angebot von Kai findest du auf seiner Homepage s. u.).

 

Tanja: Würdest du sagen, dass die Praktiken, die du anbietest, für Frauen und Männer in gleicher Weise wirksam sind?

Kai: Das kommt jetzt echt auf den Bereich an. Ich würde sagen, es ist für sowohl Frauen als auch Männer sehr zuträglich, weil es um Energien geht. Es geht um Yin- und Yang-Energien und es geht um Räume Ja, und energetischem Raum ist es egal, ob du Frau oder Mann bist: Es ist ein freier Explorationsraum, eine Lebendigkeit, eine Energie, die sich da zeigt.

Und was Sexualität angeht, sind Frauen und Männer natürlich schon unterschiedlich. Und da fühle ich zum Beispiel bei den Frauen diverse Programmierungen, aber ich habe nicht so den Eindruck, dass ich derjenige bin als Mann, der den Frauen dann sagt, was ihre Programmierung ist. Ich kann das zwar tun, aber ich fühle mich, ehrlich gesagt, viel vertrauter mit meiner Sexualität und mit dem Feld der Männer.

Jahrhundertelang wurden Männer geprägt auf ein Soldatendasein, auf Kontrolle und Dominanz. Diese Sexualität bestimmt noch heutzutage der Mann.

Wie absurd ist das? Also wenn man das wirklich mal betrachtet als ein kreatives Feld, ist die Frau im Grunde diejenige, welche die Sexualität nährt und ins Leben ruft. Der Mann darf sie darin gerne begleiten. So wie es noch heute gelebt wird, ist Sexualität vollkommen verdreht. Dadurch ist die Rolle des Mannes geprägt von: "wie stehe ich meinen Mann", wie kontrolliere ich oder auch wie unterwerfe ich eine Frau. Und natürlich gibt es auch ganz viele Frauen, die darauf abfahren und meinen, dadurch könnten sie besser loslassen oder lebendiger fühlen. Es ist genauso verdreht auf der Seite der Frauen, weil auch sie im Grunde sagen könnten: "Hey - so nicht mehr! So betretet ihr nicht meinen Tempel. Ändert mal was."

Aber in erster Linie müssten Frauen sich auch dafür verändern, um in diese Haltung zu kommen, und da glaube ich, dass es Frauen, die sich ihrer weiblichen Kraft wieder bewusst werden und ihre Lebenskraft spüren.

Visionär betrachtet wird der Mann dann zunächst einmal zu einer Art 'Diener'. Er dient der Königin. Die Frau offenbart sich dem Mann als Königin. Und dann kommt dieses ganze Vertrauen, was eine Königin repräsentiert, das durchströmt den Mann und auf einmal merkt der Mann, wow. Ich bin auch ein König. Und dann treffen sich Frau und Mann auf einer Ebene der Harmonie, der Zentrierung, im Grunde auch schon der Vollständigkeit, wo dann in diesem Feld körperliche oder energetische Disbalancen ganz anders klären, weil die Trägerwelle Harmonie ist und nicht Disharmonie.

Es geht nicht um Kampf, wer dann letzten Endes in der Sexualität gewinnt. Und so wird es oft noch repräsentiert, wer dominiert denn jetzt? Wo ist denn mehr Sehnsucht? Brauchst du mich mehr, brauche ich dich mehr? Wo haue ich ab, wo bin ich verfügbar? Und das ist ja ein Spiel, was sicherlich eine Weile ganz interessant ist. Aber ich merke für mich persönlich, ich bin an den Punkt gekommen, das es mir viel zu destruktiv ist. Es schöpft nicht das ganze Potenzial aus, was dahinter steht.

Das Potenzial, in dem weder Mann noch Frau einen persönlichen Willen haben, als vielmehr erleben dürfen, wie Bewusstsein und Energie miteinander tanzen und sich im besten Fall erneuern oder auch im Körper auf eine bestimmte Weise energetische Räume öffnen können.

 

Tanja: Du sprachst schon von einer Vision oder einem Potenzial 'natürlicher' Sexualität: Magst du dies vielleicht noch weiter ausführen?

Kai: Aus meiner persönlichen Exploration heraus betrachtet, speziell im letzten Jahr 2024, braucht eine Trägerwelle der Balance. Ich glaube, der erste Schritt ist wirklich, bei sich zu landen und sich komplett zu verankern. Und nicht so sehr das im Außen zu suchen: "Ich bin nur erfüllt, wenn ich das und das bekomme...", "Wenn wir Sex haben, dann spüre ich, bin ich lebendig..." usw.  Wie ist es denn, wenn du total lebendig bist und diese Lebendigkeit in deinem Körper fühlst, diese Lebendigkeit zulässt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass 'natürliche' Sexualität oder Sexualität an sich nicht immer das meint, was wir uns an erster Stelle darunter vorstellen, nämlich sowas wie eine Vereinigung, sondern an erster Stelle ist es eine Kraft in uns.

 

Tanja: Vielleicht magst du dazu noch mal etwas mehr ausholen, Wie ist 'natürliche' Sexualität in uns verankert? Du hattest bereits das Wort 'Kundalini' erwähnt.

Kai: Wenn wir jetzt zum Beispiel in eine Vorstellung gehen von klassischer Sexualität, haben wir evtl. Bilder im Kopf: wir sehen nackte Frauen, Männer, die uns erregen. Dann haben wir einerseits das Bild und andererseits etwas, das im Körper passiert.

Vielleicht kribbelst es ein bisschen in den Sexorganen und du bemerkst, dass es eine anregende Fantasie ist. Was ist denn jetzt, wenn dieses Kribbeln nicht unbedingt einen Ausdruck braucht, im Sinne von: ich will mich mit der Person sexuell verbinden. Dieses Kribbeln ist einfach da, es ist Lebendigkeit im Körper und diese Lebendigkeit im Körper kann sich überall zeigen. Sie braucht nicht den spezifischen Ausdruck, sondern sie ist zunächst eine Kraft in uns. Es ist das, woraus wir entstanden sind, aus dem allem entsteht.

Diese Kraft ist die ganze Zeit da, also wir sind quasi ein Ausdruck dieser Energie, nur teilweise haben wir das Gefühl, wir müssten die wecken, wir müssten die in einen speziellen Ausdruck bringen und müssten das dadurch erleben, in so einem kurzen 'Höhepunkt'.

 

Tanja: Wie können wir uns dieser Kraft noch mehr annähern, überhaupt in Erwägung ziehen, dass es so etwas wie Verbundenheit gibt?

Kai: Also aus meiner Sicht hat es viel mit der Körperausrichtung zu tun.

1. Schritt: Wieder den eigenen Körper fühlen

Übung: Nimm deine Füße auf dem Boden wahr. Drücke dich dann etwas von der Erde weg. Dann entsteht ein 'Aufrichtungsimpuls'. Kannst du in dieser Wahrnehmung bleiben? Kannst du in dir etwas mehr loslassen? Dann entsteht eine Pulsation: Du verbindest Erde und Himmel in deinem Körper und vertraust dem immer mehr.

2. Schritt: Geeignete Räume zum Explorieren

Sei dir klar über Räume, wo es überhaupt nicht adressiert wird: wo du manipuliert, kontrolliert oder klein gehalten wirst, wo du dich letztlich nicht entfalten kannst. Sich dessen bewusst zu werden und Räume oder auch eine Community von Menschen zu suchen, wo du das fühlst - auf Augenhöhe, ist der zweite Schritt.

 

Tanja: Was kommt dir an dieser Stelle vielleicht noch in den Sinn? 

Kai: Ein Wort und das ist "Vertrauen". Vertrauen in unsere ureigene Kraft. Auf dass diese sich zeigen darf in jedem Einzelnen von uns und dass wir einander begleiten, herzlich Willkommen heißen und gemeinsam in eine neue Gesellschaft, in einen neuen Tribe hineinwachsen.

Ich spüre, dass dahinter ganz viel Liebe, ganz viel Raum und wunderschöne Sachen sind. Und deswegen Vertrauen, Vertrauen Vertrauen. Und ein bisschen Geduld und Humor. Alles nicht zu ernst nehmen. Das ist auch ganz, ganz wichtig.

 

Tanja: Unsere Gesellschaft ist auf Leistung ausgerichtet: schnell und wachstumsorientiert. Oftmals berührt jedoch gerade die Schnelligkeit unseres Handelns den Schmerz oder auch Konditionierungen in uns. Und es ist die Langsamkeit und vielleicht auch erstmal die bewusste Langsamkeit, um überhaupt in dem Raum, der sich daraus ergibt, etwas anderes wahrzunehmen. Magst du vielleicht dazu noch etwas sagen?

Kai: Ich glaube, das Besondere ist, dass jeder einzigartig ist und wir uns momentan teilweise noch so vergleichen und das hat viel mit Feuerenergie zu tun: wer scheint am stärksten etc. 

Das wird aufhören, da bin ich mir sicher, weil jeder im Grunde so wunderschön und einzigartig ist und für das Vertrauen in diese Einzigartigkeit hinein braucht es manchmal, so wie jetzt im Winter, auch den Rückzug und auch das 'wert zu schätzen'.

Schätze dich selber wieder wert für das, was du bist. Und höre auf, dich zu vergleichen.

Du bist einzigartig und wunderbar!

 

Kontakt & Informationen zu Kai Schoppe:
Instagram: kaischoppe_
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