Eine Freundin fragte mich neulich: „Kannst du mir noch mal etwas mehr über Minimalismus erzählen? Ich geh so schon nicht gerne in meinen Keller, ich weiß, dass da zu viel Zeug rumliegt, aber warum sollte ich jetzt damit anfangen, den Keller aufzuräumen?“

Ich hörte mich ihr antworten, dass es meiner Ansicht nach weniger um Minimalismus geht als vielmehr darum, dass unser ganzes Leben ein lebendiger Ausdruck von uns selbst ist. Meine eigenen Worte klangen in mir nach und ich merkte, dass ich hier etwas ausgesprochen hatte, was mir selbst bis dahin in der Tiefe so noch nicht bewusst war.

Unser Zuhause, unser Besitz, unsere Handlungen, Entscheidungen, Beziehungen, ja selbst unser Job sollten in einer Kohärenz mit uns selbst sein. Doch was heißt das eigentlich?

Minimalismus, Mikroabenteuer und andere Trends sind nach meiner Ansicht nichts anderes als Werkzeuge, um zunächst einmal mit Unterstützung einer Technik wieder in das eigene Spüren zu kommen: Was will ich eigentlich? Was brauche ich, was liebe ich und was macht mir eigentlich Spaß?

Eigentlich ist es ganz schön traurig, dass wir ‚Trends‘ brauchen, um zu unserer eigenen Natur zurückzufinden!

Dabei scheint es aus meiner Erfahrung fast egal zu sein, ob man damit beginnt, die einzelnen Gegenstände im eigenen Zuhause in die Hand zu nehmen, um zu entscheiden, ob man diese liebt und auch benutzt oder ob man über Bewegung in der Natur, kleine und große Abenteuer, die Routinen des Alltags unterbricht.

Entscheidend ist vielmehr, sich dem Schmerz darüber zu stellen, dass einige oder auch viele Bestandteile des Lebens sich nicht ‚richtig‘ anfühlen. Im Allgemeinen gehen wir mit schmerzvollen Empfindungen so um, dass wir sie verdrängen, verleugnen und versuchen durch Ersatzhandlungen nicht mehr zu spüren. Leider lässt sich unser Körpersystem nicht ‚verarschen‘: was nicht richtig ist, wird sich auch nicht ‚richtig‘ anfühlen. Diese Strategien führen leider eher zu mehr oder weniger bewussten Empfindungen wie Trauer, Frustration, Wut und Aggression.

Das Leben sollte sich nach einem lebendigen Ausdruck von uns Selbst anfühlen: unser persönlicher ‚Footprint‘ sozusagen.

Leben ist dabei nach Capra (2014) definiert als eine integrierte Einheit aller Systemelemente, die miteinander verbunden sind. Ein „self-making“ System, das keine Informationen von außen benötigt, um das zu sein, was es ist und gleichzeitig von äußeren Systemebenen abhängt. Leben kann somit gesehen werden als ein System ineinander verschränkter, selbst erhaltende Systeme, wobei das Individuum seine Umwelt selbst kreiert und die Umwelt die Aktualisierung des Organismus ermöglicht. Somit ist jeder lebendige Organismus notwendigerweise in Relation zu seiner Umwelt zu betrachten (ebd., S. 134f). Tod ist im Umkehrschluss ein Zustand der Fragmentation, indem keine Verbindungen zwischen den Systemelementen bestehen (ebd., S.139).

Überträgt man diese Theorie unsere Lebenserfahrungen könnten - symbolisch betrachtet - alle Elemente unseres (Er-)Lebens, die sich nicht ‚richtig‘ anfühlen, als Fragmente betrachtet werden. Äußere oder innere Faktoren können in diesem System eine Störung der bestehenden Struktur verursachen. Unser Körpersystem ist so angelegt, dass eine Aktivierung zu Adaptationsprozessen führt, mit dem Ziel, eine Homöostase im Organismus (wieder-)herzustellen. Wenn wir uns also traurig, frustriert oder auch wütend in bestimmten Lebensbereichen fühlen, wäre eine neue Betrachtungsweise, diese Empfindungen als eine ‚Störung‘ unseres Systems zu betrachten, die nicht eliminiert, sondern vielmehr integriert werden möchte: Sich ‚lebendig‘ zu fühlen bedeutet, ein Netzwerk verbundener Systemelemente entwickelt zu haben.

Entwicklung ist ein Prozess der Integration fragmentierte Systemelemente.

Für diesen Prozess ist es notwendig, Störungen in Form von Gedanken, Emotionen, körperlichen Reaktionen sowie externen Faktoren als Ausdruck fragmentierter Systemelemente zu erkennen, zu akzeptieren und schrittweise zu integrieren.

Minimalismus, Mikroabenteuer und andere Trends erfinden das Rad nicht neu. Vielmehr stellen sie eine Möglichkeit dar, sich der eigenen ‚Natur‘ wieder anzunähern, sich mit sich und dem Leben verbunden und damit im eigenen Leben pudelwohl zu fühlen!

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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen - für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!

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Foto: Tanja Degner