Unabhängig vom Kontext, Alter oder beruflichem Hintergrund - auf meine Frage, was jemand zutiefst ersehnt, erhalte ich unter den Top 3 Antworten das Bedürfnis nach Freiheit.

Im folgenden Blogpost möchte ich dieser Suche nach Freiheit nachspüren: Was begehren wir wirklich, wenn wir uns Freiheit wünschen?

Spüre einmal in dich hinein: Geht es dir vielleicht um die Freiheit von Abhängigkeit, frei zu sein von Verpflichtungen, Ängsten, Leiden, Geldsorgen oder Fremdbestimmung? Vielleicht sind es auch mehrere Dinge gleichzeitig.

Wir haben oftmals eine Vorstellung davon, wie ein Leben aussehen könnte, dass sich freier anfühlt als die Lebensumstände, in denen wir uns derzeit befinden. Wir glauben, wenn wir nur jemand anderes wären, wenn wir nur mehr Geld hätten, wenn es nur eine andere Gesellschaftsform gäbe, andere Beziehungen und ein bedingungsloses Grundeinkommen oder Wohlstand – sich dann ein Gefühl von Freiheit in uns einstellen würde.

Wenn wir Personen betrachten, die all jene Dinge haben und/ oder besitzen, dann ist es in den allermeisten Fällen nicht so, dass diese Menschen von sich behaupten würden, frei zu sein. Vielmehr benennen diese ebenso Gefühle von Belastung, Alleinsein, Verpflichtung, Traurigkeit und Angst.

Unsere Idee von Freiheit bezieht sich auf eine äußere Form: Wir möchten frei sein „von etwas“ und je nachdem wie wir geprägt sind, nehmen wir an, dass bestimmte Dinge, die in unserem Leben im Moment als Belastung wahrgenommen werden, für unsere Wahrnehmung fehlender Freiheit verantwortlich sind. Wir streben im Leben danach, jemand anderes werden zu wollen und hoffen, dass das Erreichen dieses Zustandes ‚frei sein‘ bedeutet. Dieses Gedankenmuster ist jedoch nicht auf Ankommen programmiert, sondern auf eine Zukunft. Das bedeutet, egal in welcher Zeit unseres Lebens wir uns befinden, dass der Zustand des Freiseins oder des Glückes nicht im Hier und Jetzt liegt, sondern irgendwo in der Zukunft. Mit anderen Worten: Wir können unser Leben lang „weg von“ den Gedanken und Umständen streben, die uns jeden Tag umtreiben - gleichsam bis zum letzten Atemzug nicht ankommen. Vielleicht ist dann der Tod die erhoffte Erlösung: Wer weiß...

Doch was verursacht dieses Gefühl des Gefangenseins? Sind es tatsächlich die Umstände, in denen wir leben oder ist es nicht vielmehr unser Denken?

Überlebende des Holocausts wie Viktor Frankl oder Dr. Edith Eger berichten, dass ihr Überleben von der Hoffnung auf eine Veränderung im Morgen beruhte. Das Ganze ertragen der täglichen Misshandlungen und körperlicher Strapazen beruhte darauf, nicht gegen die Umstände Krieg zu führen, sondern einen Sinn zu haben, wofür es sich lohnt, die Kraft aufzubringen, der Realität standzuhalten.

Freiheit bedeutet, sich in einem Zustand der Annahme zu befinden, also das Gegenteil von unserer gedanklichen Abwehr, die sich zum einen gegen uns selbst richten kann (was wir alles nicht haben, tun oder wert sind), zum anderen gegen andere oder auch gegen das Leben selbst.

Freiheit bedeutet Offenheit

Die Idee von Freiheit beinhaltet, in der Lage zu sein, wahrgenommene Inkongruenzen zwischen uns selbst und Erfahrungen korrekt zu symbolisieren und diese in unser Selbst zu integrieren. Carl Rogers (2009) formuliert in seiner Theorie die Vision einer „fully functioning Person“, welche u.a. folgenden Eigenschaften aufweist (Rogers, 2009, S. 71):

  • diese Person ist offen gegenüber Erfahrungen,
  • alle Symbolisierungen sind so exakt, wie das Erfahrungsmaterial es erlaubt und
  • die Selbststruktur ist kongruent mit der Erfahrung und so fließend, dass die Person in der Lage ist, sich im Prozess der „Assimilation“ von Erfahrungen zu verändern

Assimilation ist ein Wort, dass in diesem Zusammenhang einen Widerspruch offenbart: im Sinne einer Anpassung kann dies zu einem Verhalten führen, dass nach Watzlawick (2011) „mehr desselben“ hervorbringt. Was ist damit gemeint? Um zu überleben lernt ein Kind, was richtig ist und wie es sich verhalten muss, um sich ‚angenommen‘ zu fühlen. Dies führt zu einem Verhalten, das bestimmte Anteile betont und andere verdrängt, ablehnt und verleugnet, die als negativ, nicht annehmbar oder nicht gewünscht erfahren werden. Damit sind diese nicht gewünschten Anteile von uns jedoch nicht einfach aufgelöst, sondern werden Teil unseres Unterbewusstseins.

Gefangen in der Idee, nicht richtig, gut oder wert zu sein

In einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der Erfolg gleichgesetzt wird mit einem glücklichen Leben, gibt es unzählige Angebote, die uns suggerieren, dass wir mit deren Unterstützung unser Leben in positiver Weise verändern und beeinflussen können. Der nächste Studienabschluss, die nächste Fort- oder Weiterbildung, ein Seminar zum Thema ‚erreiche das nächste Level‘, Bücher über Selbstmanagement uvm.

An diesen Angeboten ist im Grunde genommen nichts falsch, denn sie können zu einem bestimmten Lebensmoment zu Erkenntnissen über uns selbst führen. Vielleicht hast du aber auch die Erfahrung gemacht, dass schon nach einer Weile diese Erkenntnisse verblassen und wir uns wieder in einem Strudel unserer Gedanken befinden: wie immer! Aus meiner Sicht können wir ein Leben lang damit beschäftigt sein, uns selbst zu reflektieren, unsere Kindheit aufzuarbeiten, unsere Ressourcen zu aktivieren, eine glücklichere Zukunft zu erschaffen und uns selbst zu optimieren.

Bringen uns all diese Bemühungen unserem Ziel der Freiheit näher? Oder ist es nicht vielmehr ein fortlaufender Kreislauf einer grundlegenden Überzeugung: „Mit mir stimmt etwas nicht“, „ich bin nicht richtig so wie ich bin“. Die Herangehensweise entspricht einem alten geprägten Muster und führt zu einer Verstärkung einer gefühlten Separation sowohl in uns als auch einem Gefühl des ‚Getrennt-Seins‘ von anderen und sogar vom Leben.


Meine Arbeit weist darauf hin, dass Menschen nur vordergründig auf der Suche nach Erfolg sind. Eigentlich möchten wir uns als wirksam erleben oder anders ausgedrückt: Unser SELBST in Erfahrungen erleben!

Dies erfordert eine Bewusstwerdung der eigenen Selbstkonstruktion in der Widerspiegelung von Erfahrungen: Welche Gedanken formen dein Ich-Empfinden und prägen damit deine Entscheidungen, Handlungen und letztlich deine Wahrnehmung von Realität?

Und genau hier liegt der Widerspruch zu der Vision einer voll entwickelten Persönlichkeit nach Carl Rogers: Wir bewerten unser Selbst bzw. unser Verhalten, in dem wir etwas als richtig und wünschenswert und anderes als hinderlich oder falsch identifizieren. Dieses Vorgehen verstrickt uns und je verstrickter wir uns fühlen, desto größer wird unsere Sehnsucht nach Freiheit!

Um dies zu veranschaulichen, stelle dir vor, wie du als Kind neugierig und offen auf andere Menschen und Situationen zugegangen bist. Nehmen wir an, dass dieses Verhalten mit Sorge, Angst oder sogar Strafe durch die Bezugsperson(en) beantwortet wurde. Dieses Kind lernt, dass Sicherheit und ein kontrolliertes Vorgehen richtig sind und wird die eigene Neugier eventuell innerlich unterdrücken und damit vielleicht sogar vergessen, dass diese Qualität zu seinem Selbst gehört. Wenn diese Person jetzt an einer Entwicklung von Präsenz und eines Netzwerks im beruflichen Kontext arbeiten möchte und dafür mit ‚Offenheit auf Menschen zuzugehen‘ trainiert, wird potenziell ein innerer Konflikt aktiviert, da ‚Offenheit‘ in der Erfahrung der Person als ‚gefährlich‘ symbolisiert ist.

Was kannst du tun, um aus diesem Kreislauf auszusteigen?

Freiheit bedeutet aus meiner Sicht die Entwicklung von Verständnis – für uns selbst und anderen: Verständnis beinhaltet das Annehmen dessen, was in uns in jedem Moment lebendig ist und dem Bewusstsein, dass hinter jeder emotionalen Reaktion und jedem Verhalten, dass wir an uns selbst ablehnen, eine Ursache existiert: Es ist nicht die ‚Wahrheit‘ – sondern letztlich eine Konstruktion unserer Gedanken. Die ‚korrekte‘ Symbolisierung und Integration von Erfahrungen in unser Selbst bedeutet, sich den eigenen Emotionen und Wahrnehmungen ohne Bewertung zuzuwenden und gleichsam ein größeres Verständnis für das eigene Verhalten und auch das Verhalten anderer Personen zu entwickeln.

Mit anderen Worten: Kannst du aufhören, dich und andere zu bewerten, deinen Vorstellungen zu glauben, die dein Gehirn den ganzen Tag über ausspuckt. Was ist in diesem Moment gegenwärtig, wenn du all das für einen Moment sein lässt?

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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen - für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!

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Foto: Unsplash