„Wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind ein günstiger!“ Dieses Zitat von Seneca weist auf die Bedeutung von Zielen hin. Doch welche Bedeutung haben Ziele wirklich?

In dem folgenden Blogpost gehe ich der Frage nach, warum es so wichtig ist, die Richtung zu kennen, in die wir im Leben ‚segeln‘ wollen und warum gleichzeitig ein Fokus im Hier und Jetzt die Voraussetzung für das ‚Segeln‘ selbst ist!

Wenn du die Prozesse, die auf einem Schiff zu tun sind, im Schlaf beherrschst: Wissen, wie du die Segel setzt, die Navigation bedienst, sicher durch Winde manövrierst uvm., dann hast du alle Ressourcen, um den täglichen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn wir aber nun all‘ diese Dinge beherrschen, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben, dann ist es so als würden wir auf Dauer auf den Weltmeeren umherschippern, ohne jemals anzukommen. Das macht vielleicht in der ersten Zeit Spaß: Wir sind neugierig, wollen entdecken und genießen die Aussicht. Aber irgendwann entsteht ein anderes Bedürfnis in uns: Wir wollen ankommen!

in diesem Bild liegt verborgen, dass es Prozesse in Form von Entscheidungen und Handlungen braucht, die für uns als zufriedenstellend und erfolgreich erlebt werden. Hier stellt sich die Frage, welche Prozesse sind denn tatsächlich im eigenen Leben gelernt und entwickelt werden möchten. Und wohin wollen wir wirklich? 

In Situationen, in denen wir uns unglücklich oder unzufrieden fühlen, Widerstände bis hin zu Ablehnung gegenüber den Dingen in unserem Leben haben, sind wir zumeist „weg von“ motiviert! Wenn ich 10 Menschen frage: „Was willst du?“, erhalte ich durchschnittlich von 8 Personen spontan und unmittelbar eine Aufzählung all dessen, was diejenigen nicht mehr wollen. Bei nochmaliger Frage: „Was möchtest du stattdessen erleben?“ entsteht eine Pause, ein Nachdenken und dann die Antwort: „Ich weiß es gar nicht so genau!“

Unsere Aufmerksamkeit liegt bei all dem, was für uns nicht passend im Leben erscheint. Aufgrund dieser Fokussierung werden wir Entscheidungen treffen (ob bewusst oder unbewusst) und Handlungen ausführen, die uns von dem was wir nicht wollen entfernen sollen. Das bedeutet aber leider nicht, dass wir uns dem annähern, was wir wollen!

Bin ich auf dem richtigen Schiff?

Wie ist dein Schiff gestaltet? Gefällt dir das Schiff, die Aufteilung, die Form etc? Kennst du dich auf deinem Schiff in allen Teilen aus oder warst du in einigen Bereichen eher selten oder gar nicht? Wir denken, dass wir uns in unserem Leben auskennen, aber wenn du alle Handlungen eines Tages einmal bewusst aufschreibst, was von all diesen Handlungen entspricht wirklich dem, was sich richtig und wichtig für dich anfühlt und wie viel von alldem ist einfach nur etwas, was du aus irgendeinem Grund tust und damit begründest, dass du es tun ‚musst‘, weil deine Umstände es erfordern! Das ist so, als würden wir bestimmte Teile des Schiffes umkonstruieren, zu einem Leben, das „funktioniert“! Ob das Schiff damit manövrierunfähig wird oder auf Grund läuft ist EGAL!!!

Wollen wir die Wahrheit sehen?

Welches Schifft bist du eigentlich? Nicht jede:r von uns ist eine Yacht, weil diese Form vielleicht nicht geeignet ist, die eigenen Fähigkeiten oder auch Bedürfnisse im Leben auszudrücken.

In dem Film Matrix gibt es den Moment, in dem sich der Protagonist ‚Neo‘ zwischen zwei Tabletten: einer blauen und einer roten Kapsel entscheiden soll und diese Entscheidung bedingt, dass er entweder die Wahrheit sehen kann oder in der Illusion verbleibt.

Nun wünschen wir uns öfter mal im Leben den Moment, dass wir aufwachen und das Leben wäre genauso wie wir uns das schon immer vorgestellt haben. Gehen wir diesem Wunsch einmal auf den Grund. Stell‘ dir vor, dass du tatsächlich Morgen in dem Leben aufwachst, dass du dir von ganzem Herzen ersehnst. Vielleicht würde eine andere Person neben dir liegen, wir würden den Raum um uns herum nicht kennen, wir schauen vielleicht aus dem Fenster und wissen nicht einmal, wo wir genau sind. Und das Schlimmste daran: wir haben keine Ahnung wie wir uns in diesem fremden ‚Film‘ verhalten sollen. Fühlen wir uns nun jetzt tatsächlich wohl und ist es das Leben, was wir uns erträumt haben wie ein passendes Kleidungsstück und schmeckt uns die Wahrheit, die vielleicht ganz anders aussieht als wir es uns vorgestellt haben? Aus Untersuchungen mit Patienten, die aufgrund von Gehirnerkrankungen oder Unfällen eine Verletzung von Gehirnarealen aufweisen, ist mittlerweile erwiesen, dass ein fehlender Bezug zu gewohnten Rahmenbedingungen zu Ängsten und Panikreaktionen führt.

Unser Gehirn filtert über unsere Wahrnehmung Situationen, Dinge um uns herum nach bekannten ‚Mustern‘, um entsprechend unserer Erfahrungen handlungsfähig zu sein: Dabei unterscheidet das Gehirn nicht zwischen angenehm oder unangenehm: ‚Gewohnt‘ kann auch bedeuten, dass eine Reaktion mit Selbstabwertung verbunden ist oder unser eigenes Verhalten zu erschwerten Lebensumständen führt.

Gleichzeitig bewegen wir uns ‚sicher‘ durch unser tägliches Leben, ohne jeden Moment alles neu Erlernen zu müssen: Wir kennen uns aus: ‚Ich bin nicht wert‘, das ist mein langweiliger Job, das ist die Wohnung, die zu dunkel, zu klein, ohne Badewanne ist, usw. Es ist eine Aufzählung von all dem, was wir über uns selbst, über andere und das Leben erzählen, was nicht gleichbedeutend ist mit einer Wahrheit, sondern einer Widerspiegelung unserer Erfahrungen und Interpretationen.

Über Nacht in einem anderen Leben aufzuwachen, kann zu einem Identitätsverlust oder einer massiven Irritation der eigenen Identität führen. Auch wenn Gewohnheiten zum Teil sehr unliebsam sind, so sind sie doch „gewohnt“ und sie zu verändern gar nicht so einfach.

Jeder, der schon mal abnehmen wollte, mit dem Rauchen aufhören, weniger fernsehen uvm., weiß, wie hart es ist, den Schweinehund zu überwinden und wie hart es ist, bestimmte neue Gewohnheiten auch tatsächlich durchzuhalten und nicht nach ein paar Wochen wieder in alte Verhaltensweisen zu verfallen.

Die Wahrheit sehen zu wollen, bedeutet also, ein wahres Interesse am eigenen ‚Schiff‘ zu entwickeln - ein Denken sowie Verhaltensweisen, die ausdrücken, was für dich wirklich wichtig ist und was dich ausmacht.

Bist du ein ‚Achiever‘?

‚Achiever‘ sind Menschen, die das Leben als ‚Battle‘ sehen und immer auf dem Weg zum nächsten Ziel sind: Der nächste Marathon, der nächste Meilenstein, der nächste Karriereschritt. Die Ausrichtung auf Ziele bedingt folgendes Verhalten: Ziel setzen, Schritte planen und alles tun, um diesem Ziel näher zu kommen. Wenn das Ziel erreicht ist, wird schon das nächste Ziel geplant.

Hier kommt irgendwann im Verlauf der Zeit mal die Frage auf: „Wann komme ich mal an?“ Ein ‚Achiever‘ ist darauf programmiert, Ziele zu setzen und diese zu erreichen: Der Sinn liegt in einer fortwährenden Zukunft – ein Ankommen ist dabei nicht vorgesehen. Vielleicht hast du einmal monatelang auf etwas hingearbeitet und als du es dann erreicht hast, war da für einen kurzen Moment ein Glücksgefühl und danach die Frage: ...und jetzt?

Die Fokussierung auf Ziele bedingt, dass alles, was tagtäglich passiert, nur in Bezug auf eine Vorstellung von mir in einer Zukunft betrachtet wird: Wenn ich XYerreicht habe, dann werde ich zufrieden sein. Wenn ich XY besitze, dann bin ich jemand... Was ist, wenn diese Zukunft nie eintrifft?

Dabei können Jahre vergehen, ohne dass die Person wahrnimmt, dass jeden Tag ein Tag ihrer Lebenszeit vergeht.

Zielorientierung hat keine Wirkung auf unsere Identität, wenn unser tägliches Denken und Verhalten sich nicht entsprechend ändern. Wenn ich mit meinem Leben unzufrieden bin, dann ist die Frage, ob es mir tatsächlich hilft, Ziele zu setzen, wenn ich dann mehr von dem mache, was ich bisher auch schon getan habe wie beispielsweise eine weitere Ausbildung, noch zehn Bücher, die ich nicht lese etc. Wohin willst du denn eigentlich? Liegt deine Zufriedenheit wirklich in dem von dir benannten Ziel oder ist es vielleicht nur eine Verhaltensstrategie, die du schon lange geübt hast?

Wenn wir in unserem Leben tatsächlich eine Veränderung wollen, dann ist es wichtig, den Hafen zu kennen, zu den wir segeln, also eine Zielorientierung zu haben, die dem entspricht, was du wirklich willst. Der Fokus ist jedoch nicht auf das Ziel selbst gerichtet, sondern auf die Prozesse, die täglich deinen Weg gestalten. Mit Prozessen sind alle deine Gedanken, Entscheidungen und Handlungen gemeint, die dir im Verlauf des Tages begegnen.

„Leben ist das, was stattfindet, während wir darüber nachdenken“, ist ein Satz von Henry Ford. Wir denken stundenlang und treffen Hunderte von Entscheidungen an einem Tag, von denen uns die Mehrheit noch nicht einmal bewusst ist. Wenn wir unsere Umstände für unser Unglücklichsein verantwortlich machen, unser Erleben in Teilen nicht dem entspricht, was wir erleben wollen, dann fehlen uns ehrliche Antworten auf die folgenden drei Fragen:

  1. Was will ich wirklich?
  2. Sind meine Handlungen und Entscheidungen geeignet, um dieses Ziel zu erreichen?
  3. Was braucht es, um das was ich wirklich will zu erreichen und wie kann ich das in mein Leben integrieren?

„Wenn den Hafen nicht kennt, für den es keinen Weg Wind ein günstiger“, meint, dass wir eine klare Zielorientierung brauchen, wohin wir reisen möchten und gleichzeitig aber auch geeignete Prozesse in Form von Entscheidungen und Handlungen, die geeignet sind, um in Richtung des Ziels zu segeln.

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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen - für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!

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Foto: Unsplash